DA-Leitideen

Seit der Auflösung des Klosters Gravenhorst im Rahmen der Säkularisation ab 1803 erfuhr das ehemals sakrale Gebäudeensemble verschiedene profane Nutzungen: Steinbruch, Zuckerrübenfabrik, Dampfmaschinenwerkstatt, Jagdschloss eines Konsuls, Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager, Wohnstätte für Flüchtlinge und Vertriebene und letztendlich landwirtschaftlicher Betrieb. Diese Nutzungen blieben in ihrer Wirkung jedoch alle provisorisch, denn das fast 600-jährige Wirken der Gravenhorster Nonnen zwischen Spiritualität und Pragmatismus prägt spürbar den Ort bis heute.

Nach der Übernahme des Klosters durch den Trägerverein und den Kreis Steinfurt als erbbauberechtigter Projektträger gab es verschiedene Bemühungen eine neue kulturelle Nutzung für das zu sanierende Gebäudeensemble zu finden.

Fast vergessen sind heute die jahrelang verfolgten Pläne, das ehemalige Kloster zu einem Mitspielmuseum umzufunktionieren. Auch wenn es finanzielle Gründe waren, die dazu führten, dass die (für eine demographisch junge Region attraktive) Idee des Mitspielmuseums wieder ad acta gelegt wurde, scheint heute das ehemalige Nonnenkloster für die Nutzung als Präsentations- und Kommunikationsort für Gegenwartskunst konzeptionell prädestiniert zu sein.

Denn Klöster waren immer Orte der Bildung und der Kunst. Daher weist die heutige Nutzung – zumal mit dem vorhandenen DA-Nutzungskonzept und den DA-Leitideen - vielleicht am deutlichsten auf die spirituellen Wurzeln des Ortes zurück.

Dies mag mit der Rolle der Kunst in einer zunehmend säkularisierten Welt zu tun haben. Denn Kunst wie Religion erweitern unsere Wahrnehmung, heben unser Bewußtsein über das Alltägliche hinaus und stellen Fragen an unsere Vorstellung von der Welt und Wahrhaftigkeit.

Damit scheint der Ort heute gewissermaßen an seine ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt zu sein. Mit dem DA-Kunsthaus wird im Kloster Gravenhorst ein Kreis geschlossen und der Ort bleibt dennoch lebendig und in ständiger Veränderung. Das wird auch mit der Namensnennung DA deutlich.

DA wurde von der konzeptionellen Bezeichnung Denk-Mal-Atelier abgeleitet. Mit dieser Bezeichnung wird zugleich auf die historische und architektonische Bedeutung des Klosterensembles und auf die aktuelle Produktion und Auseinandersetzung mit Kunst hingewiesen. Der Begriff „Atelier“ verweist auf die Produktion von Kunst.
Auseinander geschrieben verweist der Begriff „Denk-Mal-Atelier“ auf wichtige Bestandteile des Programms:

„Denk“ = Vermittlung von Wissen über Kunst, Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung mit Kunst.

„Mal“ = verweist auf „malen“, im übertragene Sinne auf das „Selber tun“, machen = erlebnisorientierte, aktive Auseinandersetzung mit Kunst.

„Atelier“= Produktion, Werkstattcharakter, Experimentierfeld und Forum für KünstlerInnen und Laien, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Die Kürzung der Bezeichnung Denk-Mal-Atelier zum DA war ein gelungener Kunstgriff und eine Marketingstrategie der Firma Total Identity. Total Identity ist eines der renommiertesten Grafik- und Werbebüros Europas und wurde in einen Wettbewerb ausgesucht, das Corporate Identity/Corporate Design für das Kunsthaus Kloster Gravenhorst zu gestalten. Mit diesem CI und der Wahl des Wortes DA wurden nicht nur die grafischen Richtlinien für die Werbung des Hauses formuliert, sondern auch eine Kommunikationsstrategie entwickelt, die die ambitionierten Leitideen des Kunsthauses unterstützen. Denn DA steht (als Zeige- und Ausrufewort) auch für zeigen und Richtung weisen. DA heißt suchen und finden und DA steht für Veränderung und Bewegung.

Damit wird auf ein Programm hingewiesen, das nicht nur die Geschichte und die Wurzeln des Ortes tradieren und pflegen will, sondern auch Neues, Fremdes und - auf den ersten Blick - nicht Verständliches zeigen und zur Diskussion stellen möchte.

In Gravenhorst wird Kunst nicht als schmückendes Beiwerk, als kompensatorische Verschönerung der Gesellschaft, sondern als Forschung, Spiel und kritischer Diskurs im aktuellen gesellschaftlichen Kontext verstanden.

„Kunst auf dem platten Land – zwischen Globalisierung und regionaler Identitätsbildung“ – so lautet daher der Hintergrundtenor des Nutzungskonzeptes. Denn nur unter diesen beiden Voraussetzungen, nämlich Anbindung an das aktuelle (auch internationale) Kunstgeschehen, sowie eine Einbindung in das (Kultur-)Leben der Region kann das Kunsthaus erfolgreich sein.

Kunst- und Künstlerhäuser gibt es überall, sowohl im ländlichen Raum als auch in  Großstädten. Oft werden sie in historischen Gebäuden angesiedelt: auf dem Land „retten“ sie Schlösser, Gutshöfe oder Klöster vor dem Verfall, in der Stadt werden Industriedenkmäler und leerstehende Fabrikgebäude damit einer neuen Nutzung zugeführt. So gesehen steht auch das Kunsthaus Kloster Gravenhorst in einer langen Tradition.

Aber welche Rolle kann ein Kunsthaus an diesem ländlich und touristisch geprägten Ort spielen? Was hat die Kunst hier zu suchen?
In Zeiten elektronischer Kommunikation und Massenmedien könnte man meinen, es sei unwichtig, wo Kunst produziert und erlebt wird. Kann es den KünstlerInnen nicht egal sein, ob sie in Berlin, London oder Hörstel arbeiten? Ist es einerlei, unter welchen Bedingungen Kunst ausgestellt und rezipiert wird?

Sicherlich nicht. Die Bedingungen der Kunstproduktion und auch der Kunstvermittlung und Kunstrezeption haben in historischen Klostermauern und in einer ländlich-touristisch geprägten Umgebung eine andere Qualität als in einer Großstadt. Und vor allem kann und möchte das DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst kein „White Cube“, kein neutraler Ort für die Kunst sein. Das Kloster, in das nun die aktuelle Kunst einzieht, ist ein Raum voller historischer, ökologischer und natürlich auch sakraler Bezüge, sowie auch einer über Jahrhunderte veränderten und umgebauten Architektur.

„Kunst im Kontext“ steht  also im Vordergrund der Arbeit des Kunsthauses Kloster Gravenhorst. Das heißt einerseits Bezug und Rücksicht auf die Geschichte, andererseits Reflexion über das aktuelle, gesellschaftliche Geschehen durch die Kunst. Daher wird im DA auch über die Bedingungen der Kulturarbeit im ländlichen Raum reflektiert und neue Formen der Kunstvermittlung an einem historisch-touristisch geprägten Ort erprobt. 

Das Kunsthaus bemüht sich darum, Kunst in die Lebenszusammenhänge der Menschen einzubinden und Kunst - an die Erfahrungen und die Erlebnisse der Menschen anknüpfend – zu vermitteln. Kunst ist hier auch im Sinne von Lebens-Kunst zu verstehen, d.h. als Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensentwurf; als Fähigkeit zum Teilhaben an gesellschaftlichen Prozessen und als kreative Schaffung von neuen Lebensperspektiven in einer immer unüberschaubareren Welt.

Dieses Verständnis von der Rolle der Kunst, das als die grundlegende DA-Leitidee gelten kann, findet im Herzstück des Kunsthauses – im Stipendiumsprogramm „KunstKommunikation“ – seine deutlichste und konkreteste Umsetzung. Die ersten Kunstprojekte des Stipendiumsprogramms werden ab Herbst 2005 im DA durchgeführt.

Im DA werden nämlich keine reinen Aufenthaltstipendien (wie in den meisten Künstlerhäusern) vergeben, sondern DA fördert kommunikative  Kunstprojekte, die vor Ort durchgeführt werden.

Das heißt vor allem gemeinschaftsorientierte öffentliche Kunstprojekte, die nicht ursprünglich und ausschließlich für einen musealen Kunstraum geplant sind.
Also Kunstprojekte, die sich inhaltlich auf gesellschaftlich-soziale, partizipatorische Aspekte konzentrieren und die nicht vorrangig ergebnis- sondern prozess- und erfahrungsorientiert sind.

Gemeint sind auch ortsbezogene Kunstprojekte, die sich gezielt mit der Geschichte, der Topographie, den sozialen Zusammenhängen oder der Ökologie des Ortes Kloster Gravenhorst auseinandersetzen.

Kunstprojekte und Werke, deren Produktionsprozesse von der Partizipation künstlerischer Laien, auch von Kindern und Jugendlichen geprägt sind, werden ebenfalls gefördert.

Das Kunsthaus Gravenhorst ist also - trotz seiner ländlichen Lage - kein Refugium für KünstlerInnen, keine Idylle fernab von der gesellschaftlichen Realität.

Die Bemühungen, die Arbeit des DA, sich im Spannungsfeld zwischen Globalität und Regionalität, zwischen Geschichte und Aktualität zu etablieren, spiegelt sich auch in den fünf (bewußt „international“ formulierten) Themenkomplexen wieder, die die Ausstellungs- und Projekttätigkeit des Kunsthauses bestimmen soll.

„Remember History/Think History“ reflektiert unter dem Label „Kunst und Geschichte“ die historische Authentizität des Ortes.

„Natural Reality“ thematisiert unter der deutschen Subline „Kunst und Ökologie“ Fragen der Natur, der Landschaft und des Environments.

„Lost Paradise“ (verlorenes Paradies) bezieht sich auf die sakralen Ursprünge des Ortes auch unter dem Aspekt einer spezifisch weiblichen Spiritualität, wie sie zur Gründungszeit des Klosters in Europa in großer Blüte stand.

Unter dem Begriff „Body Relations“ (Kunst und Körper), sowie „Perception – Observation – Truth“ (Kunst und Wahrnehmung) werden aktuelle und kunstimmanente Themen aufgegriffen.

Mit dem Zusatznamen DA wurde das Kunsthaus bereits im Eröffnungsjahr 2004 bekannt und bei allen bisherigen Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekten waren die Leitideen und die beschriebenen Themenkomplexe sicht- und erlebbar.
Mit dem Gesamtprogramm wird aber auch gezeigt, wie man mit einem inhaltlich anspruchsvollem Programm hohe Besucherzahlen und ein großes, breites Publikumsinteresse erzielen kann.

Beispielhaft sollen folgende Kunstprojekte und Ausstellungen hervorgehoben werden:

Lili Fischer und ihre StudentInnen aus der Kunstakademie Münster machten den Anfang. Was lag näher, als die „Feldforscherin“ einzuladen, das neu sanierte, alte Zisterzienserinnenkloster mit Kunst wieder zu beleben. Denn Lili Fischer verbindet als Künstlerin zwei Interessen, die eng mit den Leitideen des Kunsthauses verbunden sind: die künstlerische Erforschung historischer Orte und eine lebendige Kunstvermittlung zu betreiben.

Mit dem Kunstprojekt „Fact or Faith“ unter der Leitung der KünstlerInnen Ronald Jones und Laurie Makela wurde ein internationales, interdisziplinäres Projekt mit KunststudentInnen der renommierten Städelschule aus Frankfurt a.M. und Konstfack, der Kunstakademie Stockholm durchgeführt.

Das Kooperationsprojekt (mit dem Welbergener Kreis, dem Kreiskunstverein Beckum-Warendorf, dem Museum Abtei Liesborn und der Galerie Münsterland e.V.) „Synthesis“ vernetzte das Kunsthaus mit anderen wichtigen Kunstorten und präsentierte das DA als ein Forum für professionelle KünstlerInnen aus der Region.

Mit diesen und vielen anderen Programmpunkten war das Eröffnungsjahr nicht nur ein kraftvoller Auftakt und ein Feuerwerk an Veranstaltungen, sondern hier wurden auch Maßstäbe für das zukünftige Programm gesetzt.

Denn es gilt,  das DA weiterhin als:

  • Produktions- und Kommunikationsstätte für Gegenwartskunst und Kunstvermittlung mit internationalem Anspruch und regionaler Verankerung,
  • Kunsthaus, in der Offenheit, Experiment, Diskurs und eine erlebnisorientierte Auseinandersetzung mit Kunst gefördert wird,
  • Kulturinstitution in der Popularität und Qualität kein Widerspruch ist,
  • historischer Ort, in der Geschichte lebendig und nachspürbar dargestellt und erlebbar gemacht wird

zu etablieren.

Es bleibt eine Herausforderung – besonders auch in finanziell schwierigeren Zeiten und mitten im kulturellen Mainstream –, die zarten Keime eines ganz eigenen Profils zu erhalten und zu stärken. Dazu dienen vor allem die Leitlinien, die beschriebenen Themenkomplexe und ihre konkrete Umsetzung in das Stipendiumsprogramm und in den Kunstprojekten. Diese sind es, die sicherstellen können: Das gibt es nur DA!

Hörstel, April 2005
DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Gerd Andersen
Text für die Dokumentation der Regionale 2004, links und rechts der Ems